Ein Jahr Kindergarten in der Pandemie

Ein Bericht aus dem Alltag des Theodor Fliedner Kindergarten

Liebe Leser,

heute vor 365 Tagen änderte sich unser aller Leben sehr radikal. Damals wurde der erste Coronaerkrankte in der Bundesrepublik bekannt. Ich weiß noch genau, dass wir uns nicht vorstellen konnten und wollten, dass es uns so sehr treffen wird. 

Heute sitze ich hier und blicke zurück, zurück auf ein sehr außergewöhnliches Jahr, welches unsere gewohnte Arbeit im Kindergarten komplett auf den Kopf gestellt hat. Nichts konnte mehr so sein und stattfinden wie zuvor:

Elterngespräche / Elternabende / Feste / Ausflüge / Bringen und Abholen der Kinder.

Noch nicht einmal so alltägliches wie Singen, Sport, Tanzen oder gemeinsame Mahlzeiten zubereiten waren noch möglich, wie wir es gewohnt waren. 

Und dann kam es ganz hart, wir mussten unsere Türen von heute auf morgen komplett schließen. Alle öffentlichen Einrichtungen in ganz Deutschland wurden geschlossen. Von heute auf morgen saßen wir in einer leeren Einrichtung.

Kein Lachen, kein Toben, Kein Weinen, Kein Singen. 

STILLE.

 

Erster Lockdown - erst Schock, dann kreative Lösungen.

Nach der ersten Verunsicherung und Orientierungsphase haben wir die Initiative ergriffen und einen Plan aufgestellt, wie die kinderfreie Zeit am besten genutzt werden kann. In den Wochen der Schließung haben wir 

  • Gruppenräume gestrichen,
  • Räume neu dekoriert,
  • Keller entrümpelt und aufgeräumt,
  • alle Schränke und Zimmer aus-, um- und aufgeräumt,
  • Konzeption schriftlich festgehalten.

Aber auch der enge Kontakt zu den Familien und besonders zu den Kindern stand im Mittelpunkt.

Das Team hatte großartige, kreative und außergewöhnliche Ideen. So haben wir wöchentlich per Mail an alle Familien Anregungen geschickt, zum Beispiel Ausmalbilder, Fingerspiele, Geschichten, Bewegungsangebote und vieles mehr. Die Anregungen haben sich immer projektartig um ein Thema aufgebaut. Jedes Kind hat einen handgeschriebenen Brief erhalten. Wir haben immer wieder mit den Eltern telefoniert, waren für Ihre Sorgen und Nöte da. 

Und als ganz besondere Idee wurde die Videobotschaft geboren. Eine Kollegin hat Zuhause einen kompletten Morgenkreis für die Kinder gestaltet und gefilmt. Die Rückmeldung von Seiten der Eltern hat uns überwältigt und berührt. Einige Kinder schauen dieses Video vom April letzten Jahres noch immer sehr gerne an.

Sommer und Herbst - neue Normalität

Für die Wiedereröffnung haben wir ein spezielles Hygienekonzept entwickelt.

Dann der große Schock für mich persönlich: aufgrund meiner Vorerkrankungen durfte ich von heute auf morgen nicht mehr am Kind arbeiten. Bis zu diesem Zeitpunkt haben mich meine Erkrankungen nie eingeschränkt oder belastet. Doch nun verhinderten sie, dass ich meinen Beruf ausüben kann, der auch nach über 25 Jahren noch immer mein Traumberuf ist. Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich als Erzieherin einmal im HOME OFFICE sitzen werde, ich hätte die Person für verrückt erklärt. Und doch gehörte es nun lange Zeit zu meinem Berufsalltag. 

Was für mich persönlich eine große Strafe und Prüfung darstellt, ist für das komplette Team eine zusätzliche Belastung, denn mit meinem Beschäftigungsverbot fehlt natürlich eine Bezugserzieherin im Alltag. 

Nach den Sommerferien hat ein kleines Stück veränderte Normalität mit der ganzen Kindergruppe wieder Einzug gehalten. Wir hatten uns mental inzwischen auch an die veränderte Arbeitswelt gewöhnt: 

  • Abstand / Maske / Hygiene ist in Fleisch und Blut übergegangen.  
  • Statt gesungen werden die Lieder gesprochen - das ist wirklich kniffelig, probieren Sie es einmal aus. 
  • Sport findet im Garten statt, es bedarf nur der richtigen Kleidung.
  • Die Elternbeiratswahl hat per Briefwahl stattgefunden.
  • Sitzungen mit dem Elternbeirat und Elternabende finden digital statt 

Letztlich gibt es immer eine alternative, pandemiegerechte Lösung zu den altbekannten Aktionen. 

Zweiter Lockdown - zwischen Notbetrieb und Fernbetreuung

Seit Dezember 2020 sind wir nun wieder im Notgruppenbetrieb. Momentan befinden sich ca. 50% der Kinder in Betreuung.  Wir verstehen die Not und Belastung der Familien und doch sehen wir die Einschränkung als dringend nötig an. Denn auch wir machen uns Sorgen und Gedanken um die eigene Gesundheit und die unserer Familien.

Im Alltag können wir zu unseren Kindern nie so den Abstand halten, wie es gedacht und vorgeschrieben ist. Wenn ein Kind sich zum Beispiel wehtut und weint, dann nimmst du es in den Arm und tröstest es. Gerade bei unseren Kleinen kann man den Abstand einfach nicht wahren. 

Wir befinden uns gerade wieder im Spagat zwischen Alltag in der Einrichtung und dem guten Kontakt halten zu den Zuhause betreuten Kindern.

Inzwischen sind noch weitere Filme dazugekommen, darin haben 2 Kolleginnen eine Bilderbuchgeschichte mit dem Kamishibai Theater, ein Fingerspiel zum Thema Handschuhe, einen weiteren Morgenkreis und eine Bewegungsgeschichte unterlegt mit Musik gedreht. Wir drucken und verteilen fleißig Bastel- und Spielideen. 

Vorbild sein - Schönes zelebrieren

Das bekommen wir alles gut hin.

Wenn ich in den Medien höre, dass es eine verlorene Generation ist, dass die Kinder psychische Schäden davontragen werden, dann wird mir ganz kalt und es schaudert mich. Und es macht mich in den letzten Wochen auch zusehends wütend. 

Denn in meinen Augen (unser ganzes Team sieht das so) kommt es doch immer darauf an, wie wir Erwachsenen damit umgehen. 

Unserer Ansicht nach kommen die Kinder und wir alle gut durch diese Zeit, wenn wir viel Lachen und Spaß im Alltag leben. Ja es ist sicher eine schwere Zeit und gerade die Kleinen haben viele Beeinträchtigungen in ihrem Leben, aber man muss auch klar die schönen Seiten des Lebens hervorheben und zelebrieren - und die  Kleinen aus den Sorgen und Überlegungen der Erwachsenen heraushalten.

Wenn wir positiv in die Zukunft blicken, dann kommen auch unsere kleinen Bürger gut durch diese Zeit. 

Also: weniger Wehklagen und mehr Lachen. Danke sagen für alles, was man Positives erfährt.

Dankbar und Hoffnungsfroh in die Zukunft

Und so ist es an der Zeit für mich, danke zu sagen:

Danke an meine Kolleginnen, die immer motiviert und engagiert sind, die alles so gut tragen und ertragen, die nie müde sind, neue Ideen umzusetzen. Ihr seid ein außergewöhnliches Team und es ist mir eine tägliche Freude und Ehre mit Euch arbeiten zu dürfen. 

Danke an die Eltern, für Ihr Verständnis, die große Umsicht und Vorsicht, für die lieben Rückmeldungen und großartigen Gespräche. 

Danke an unseren Träger, der uns immer gut durch die Pandemie begleitet und geleitet hat. Und ich ganz persönlich für die Möglichkeit, meinen Beruf trotz der ganzen Einschränkungen weiter ausüben zu können. 

Mein nächstes Ziel: Gesund bleiben und die Impfung, damit ich endlich wieder richtig einsteigen und den Alltag mit den Kindern und Familien leben kann.

Wenn mich jemand fragt was ich als erstes machen möchte, wenn die Pandemie im Griff ist? Ganz klar: meinen Beruf wieder vollends ausüben und nicht weiter auf der Ersatzbank sitzen und zuschauen müssen. 

Bleiben Sie gesund!

Daniela Rösener / Theodor Fliedner Kindergarten